Leben im Standby-Modus: unerfüllter Kinderwunsch

Leben im Standby-Modus: unerfüllter Kinderwunsch

Wenn Paare beschließen eine Familie zu gründen, ist dieser Wunsch nach Nachwuchs die logische Folge ihrer Liebesbeziehung. Er steht für die Intensivierung ihrer Verbindung: gemeinsam einen Schritt weiter zu gehen, vom Du und Ich zum Wir. Es ist ein Entschluss, der für Freude und Neubeginn steht. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen!

 

Doch für einen beträchtlichen Teil dieser Paare ziehen schon bald erste dunkle Wolken auf, wenn die Schwangerschaft sich nicht einstellt oder Fehlgeburten der anfänglichen Freude ein jähes, trauriges Ende bereiten.

 

Unerfüllter Kinderwunsch ist heute eine Art „Pseudo-Tabu-Thema“. Obwohl das Internet voll ist mit Informationen, Diskussionsforen und Plattformen, obwohl es zahlreiche Spezialisten und Fachliteratur dazu gibt, ist es mit Scham, Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen besetzt. Es geht um Verzweiflung, Enttäuschung und Angst. Und um verlorene Träume.

 

Es ist ein Thema das mir ganz besonders am Herzen liegt, weil ich nicht nur berufliche, sondern auch persönliche, sehr prägende Erfahrungen damit verbinde. Und es gibt einige Dinge, die ich betroffenen Frauen bzw. Paaren dazu sagen möchte.

Achterbahn der Gefühle

Es ist lange her, doch ich hab den ganzen Wahnsinn mitgemacht: Hoffen und warten. Das Auf und Ab. Das Gefühl der Ungerechtigkeit und des persönlichen Versagens. Selbstmitleid. Grübeln. Dann wieder neue Hoffnung schöpfen. Die Nerven verlieren. Ablehnung, Neid und Resignation. Verbissenheit. Verlustangst.

 

Ich war verwirrt und angespannt. Hatte meine Leichtigkeit und Freude verloren. Während rund um mich alle anderen schwanger wurden und ihr Baby bekamen, war ich fassungslos darüber, offenbar nicht fähig zu sein, wozu scheinbar jeder Depp fähig war. Ich war komplett gefangen in dem Thema, gleichzeitig versuchte ich mich ständig abzulenken und „entspannt“ zu sein.

 

Was blieb war eine beschädigte weibliche Identität. Schuld und Scham. Traurigkeit. Negative Gedanken. Probleme in der Partnerschaft. Gleichzeitig galt es nach außen hin Haltung zu bewahren. Die Diskrepanz zwischen meinem öffentlichen und privaten ICH wurde größer und größer, der Druck war enorm. Ich fühlte mich komplett falsch in meinem eigenen Leben, nichts war mehr so wie es sein sollte. Aus Selbstschutz hatte ich mich und meine Bedürfnisse komplett verleugnet.

 

Oft sind es "Kleinigkeiten" die nicht stimmen, bei mir ging es damals um sehr viel mehr. Jeder Fall ist individuell und einzigartig. Heute bin ich glückliche Mama, mein Leben wurde komplett auf den Kopf gestellt uns es kam alles anders als gedacht. Die Ereignisse von damals gehören zu meiner Biografie wie vieles andere auch. So eigenartig es auch klingt, ich würde diese lange Reihe schmerzhafter Erfahrungen nicht missen wollen. Sie sind ein Teil von mir, wenn auch ein sehr persönlicher, und ich bin gestärkt daraus hervorgegangen. Ich habe gelernt zu vertrauen.

 

Fehlersuche

Die Fehlersuche aus schulmedizinischer Sicht richtet den Fokus auf das Funktionieren bzw. Nicht-Funktionieren des menschlichen Körpers. Wir unterschätzen was es mit uns macht, wenn andere uns sagen, was wann wie zu klappen hat. Wie es „normalerweise“ ablaufen soll.

 

Natürlich ist die medizinische Abklärung sinnvoll und wichtig, vor allem wenn es nach vielen Versuchen und nach langer Zeit zu keiner Schwangerschaft kommt. Wobei das unbedingt beide Partner betrifft. Diese Abklärung ist jedoch nur EIN Teil um den es hier geht. Und es ist oft nicht der ausschlaggebende Teil, sondern einfach ein notwendiger Schritt um Klarheit zu schaffen.

 

Timing von Körper und Seele

Das Vertrauen in den eigenen Körper ist einer der wesentlichen Schlüssel um ein Kind zu empfangen. Und dieses Vertrauen ist wie ein zartes Flämmchen, es muss gehegt und gepflegt werden. Es kann verloren und wiedergefunden werden. Es kann erlöschen und wieder entflammen. Es darf sich entwickeln. Wir sollten es schützen. Dieses Vertrauen betrifft auch das Timing von Körper und Seele. Statt sich auf vermeintliche körperliche Defizite zu konzentrieren, ist es wichtig hinzuschauen, was notwendig ist um sich ganzheitlich für ein Kind zu öffnen.

 

Große Erwartungen

Was die Verteilung der Energie im Körper betrifft, so ist das plötzliche Umschalten von Verhütung auf Empfängnis eine Herausforderung für das gesamte System.

 

Wir vergessen gerne, dass der Körper durch jahrelange Verhütung lernt, seine Energien im Organismus anders zu verteilen als ursprünglich vorgesehen. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob die Verhütung auf natürliche Weise oder beispielsweise mit hormonellen

Präparaten erfolgte. Fruchtbarkeit und Empfängnis wurden lange Zeit ausgeblendet, bis zum Zeitpunkt X, wo es nun losgehen soll. Damit sind Probleme mit der Empfängnis zwar nicht vorprogrammiert, in vielen Fällen gelingt dieser abrupte Umstieg ja auch. Es ist jedoch ein beteiligter Faktor, wenn es nicht sofort klappt. Daher stellt sich nach dem ersten Kind die zweite Schwangerschaft oft recht mühelos ein. Der Energiefluss ist sozusagen wieder in den richtigen „Bahnen“.

 

Auch wenn es simpel oder abstrakt anmutet, Visualisierungsübungen, um die Energie verstärkt auf die beteiligten Organe umzulenken, können sehr hilfreich sein:


Visualisierungs-Übung

 

Legen Sie sich entspannt hin, die Hände liegen auf dem unteren Bauchraum.

 

Atmen Sie bewusst in diesen Bereich hinein und stellen Sie sich vor, wie die Energie zu den einzelnen Organen fließt – Gebärmutter, Eierstöcke, Eileiter, usw., als wären diese an eine Batterie angeschlossen und ziehen dort Kraft für sich heraus. Je bildhafter die Vorstellung, desto wirksamer.

 

Wenige Minuten genügen. Wichtig ist, diese Übung regelmäßig über einen längeren Zeitraum zu machen, z.B. immer vor dem Einschlafen.

 


Sich anvertrauen

Für mich persönlich war es damals wichtig, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Jemand der mir weder bestimmte Maßnahmen ein- oder ausreden will, noch beschwichtigt oder bemitleidet. Jemand, der mir nicht sagt, dass ich falsch denke oder mir einredet, dass ich mich einfach entspannen soll, wenn ich LOSLASSE wird das schon… (der wirklich gut gemeinte aber dämlichste Rat überhaupt). Jemand der mich versteht, mir hilft Verletzungen und Ängste abzubauen und neue Perspektiven aufzeigt. Jemand der mich begleitet wenn ich wieder entdecke, dass ich IN ORDNUNG und VOLLSTÄNDIG bin. Mich in meiner weiblichen Identität bestärkt und mir zur Seite steht. Mich an anstehende Themen heranführt. Meinem Kind hilft mich zu finden.

 

Persönliche Einstellung

Auf psychischer Ebene ist der Fokus stark auf die eigene Einstellung gerichtet: wenn man es zu verbissen will, sich zu sehr hineinsteigert, etc. dann würde es nicht klappen heißt es. Ist auch recht praktisch, das auf die Betroffenen selbst zu schieben. Als wäre die „richtige Einstellung“ die Voraussetzung für Empfängnis. Als wäre nicht schwanger geworden zu sein oder eine Fehlgeburt zu erleiden etwas, das man/frau manifestiert hat.

 

Natürlich spielen Körper, Geist und Psyche zusammen. Genau genommen sind sie sogar eine Einheit. Trotzdem ist die pauschale Herleitung solcher Zusammenhäng meiner Meinung nach fatal, da es sich um Schuldzuweisungen handelt. Es sind Erklärungsversuche, um der allgemeinen Ratlosigkeit zu begegnen, wenn es nicht klappen will.

 

Schwangerschaften entstehen trotz widrigster Umstände. Wenn der Wunsch nach einem Baby unerfüllt bleibt, ist das schmerzhaft und tragisch. Und vor allem gibt es kein Patentrezept. Hier gilt es zu differenzieren und mit Feingefühl, Herz und Verstand auf die betroffenen

Personen einzugehen. Sie aufzufangen und ihnen dabei zu helfen, aus dem unheilsamen Teufelskreis auszusteigen und ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Damit sie durch ihre Angst hindurchgehen und wieder frei sein können.

Gefühlsebene - Selbstschutz

Abseits der körperlichen und geistigen Ebene wird auf eines oft vergessen: das Gefühl. Verunsicherung durch ärztliche Diagnosen, eigene Glaubenssätze (ab diesem Alter wird es schwieriger), Aussagen aus dem persönlichen Umfeld („na, ist schon was geplant?“), persönliche

Erfahrungen (wieder nicht geklappt) führen zu einem geheimen, jedoch immer stärker werdenden Gefühl des Unwohlseins, wenn es um das Thema Schwangerschaft und Kind geht.

 

Es beginnt ein Prozess des Verdrängens und Wegschiebens. Um nicht in den Fokus von Kollegen, Freunden und Verwandten zu geraten. Um selbst nicht Panik zu schieben und sich nicht ständig gedanklich im Kreis zu drehen. Um noch normal zu „funktionieren“ im Alltag und

in der Partnerschaft.

 

Häufig ist die dahinter liegende Logik, seine Erwartungen herunterzuschrauben, um nachher weniger enttäuscht zu sein. Doch Vorsicht, dieser Zugang ist doppelt unheilvoll: Erstens impliziert er von vornherein ein Scheitern, obwohl noch gar nichts darauf hindeutet. Zweitens: Der Schmerz wird nicht weniger, wir ersparen uns nichts wenn wir uns einreden, es wäre nicht so wichtig. Herzenswünsche machen uns verletzlich. Verleugnen hilft nichts. Wenn ein Herzenswunsch nicht in Erfüllung geht, greift das sehr tief. Das Wünschen, Hoffen und Sehnen ist berührend und schön, es macht uns lebendig.

 

Die Antwort des Körpers auf dieses Unwohlsein ist, sich zu verschließen, um wieder in ein gutes Gefühl zu kommen und Schmerz zu vermeiden. So fatal diese Verkettung auch ist, so wunderbar kann es sein, wieder zu verstehen, wie großartig Körper, Geist und Seele

zusammenarbeiten. Alles was hier passiert, ist eine persönliche Botschaft an MICH. Es gilt diese zu entschlüsseln und wieder in das Vertrauen zu kommen, dass die Zukunft ungeschrieben ist, dass Hoffnung besteht, dass alles gut wird und man auf dem besten Weg ist, die Gegebenheiten herzustellen um ein Kind zu empfangen

 

Positives Grundgefühl

Die Gründe für einen unerfüllten Kinderwunsch können sehr unterschiedlich sein. So unterschiedlich sind auch die Lösungen. Abgesehen von medizinischen Interventionen, Ernährungstipps sowie tausend Do´s and Dont’s besteht eine absolut wirkungsvolle Hilfe aus seelischer Hinwendung und Erkenntnissen, die helfen einschränkende Glaubenssätze aufzulösen und Zuversicht und Freude zurück zu holen.

 

Das Ziel ist, sich seinen Kinderwunsch wieder zu „erlauben“ und ihn mit einem positiven Grundgefühl zu verbinden.

 

Was es noch zu bedenken gibt...

Wenn am Ende einer solchen Odyssee eine gesunde Schwangerschaft steht, sind die Energiespeicher oft geleert und die werdenden Eltern sind möglicherweise nicht für all das Schöne aber auch Anstrengende gewappnet, das so viel Kraft kostet in dieser Zeit. Natürlich wird sich alles irgendwie fügen, doch die Strapazen und Unsicherheiten hinterlassen Spuren. Das ist ein Aspekt, den es bei all der Ungeduld, bei all den Anstrengungen die unternommen werden, um ein Baby zu bekommen, zu bedenken gilt. Körper, Geist und Seele treten vielleicht nicht umsonst auf die Bremse… denn Schwangerschaft und Geburt sind nicht das Endziel, sondern der BEGINN von etwas ganz Neuem.

 

Es stellt sich auch die Frage: Was macht es mit uns als Paar? Die Babyzeit ist eine Herausforderung für die Paarbeziehung, die meisten Eltern wissen davon ein Lied zu singen. Wenn die Kraftreserven schon beim „Basteln“ aufgezehrt wurden, geht später womöglich die Luft aus.

 

Daher: gehen Sie so liebevoll und wertschätzend wie nur möglich mit sich um! Denken Sie gut über sich. Denken Sie gut über Ihren Körper! Er führt mit absoluter Präzision aus, was in diesem Moment und unter den gegebenen Umständen das Beste ist. Er ist imstande

Unglaubliches zu leisten. Er ist jedoch auch auf uns angewiesen. Auf unsere innere Stimme. Auf unsere Glaubenssätze. Darauf, dass wir uns um unsere seelischen Belange kümmern und unsere Konflikte lösen. Dass wir uns gut um ihn kümmern.

 

Wenn ich mit meinen Gedanken ein wenig Hoffnung schenken konnte, Sie darin bestärken konnte, an sich zu glauben, dann habe ich mein Ziel erreicht. Bleiben Sie nicht allein im Standby-Modus. Kommen Sie zurück ins Leben.

 

Alles Liebe!

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