Emotionales Dé-jà-vue

Emotionales Dé-jà-vue

Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt woher diese hartnäckige, leise innere Unruhe kommt, die einen so oft beschleicht? Diese kleine Sehnsucht nach Orientierung, Antworten, Bestätigung und Souveränität? Fragen Sie sich, warum das Gefühl immer wieder auftaucht, nicht richtig angekommen zu sein, dass irgendwas fehlt?

 

Und seit wann sind entspannte Gelassenheit und Zuversicht eigentlich etwas, das sich nicht mehr von selbst einstellt sondern ständig herbeigeführt werden muss?

Eines Abends...

Es war Sonntagabend, ich saß mit einem Buch, einer Decke und einem Tee gemütlich in meinem Lieblingssessel. Die Woche die vor mir lag war überschaubar, gut geplant und eigentlich recht erfreulich soweit es schien. Ich war gesund, fühlte mich wohl und hatte keine großen Sorgen. Alles war gut.

 

Meine Lektüre, ein Buch über das Glück bzw. das Glücklich-sein, war nicht allzu spannend aber unterhaltsam, also gerade richtig für einen ruhigen Abend. Plötzlich hielt ich inne. Weshalb las ich eigentlich genau dieses Buch? Was wollte ich damit bezwecken, was erhoffte ich mir davon? Was glaubte ich darin zu erfahren und warum beschäftigte mich dieses Thema? Als ich so in mich hineinhorchte, passierte es: ich hatte eine Art Dé-jà-vue!

Flash-back

Ein Dé-jà-vue ist bekanntlich das Gefühl, eine Situation schon einmal erlebt zu haben. Bei mir war es eher eine gefühlsmäße Vertrautheit. Ich kannte diesen Zustand in dem ich mich befand, er erinnerte mich an etwas: Es war eine Art Flash-back in meine Kindheit. Eine Zeit, in der ich klein war, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, und die Welt der „Großen" als unüberschaubar, geheimnisvoll, verheißungsvoll, teilweise frustrierend und verwirrend erlebte. Als mir Erwachsene allwissend und allmächtig erschienen. Die auf unerklärliche Weise wussten wo es lang geht, was wichtig ist, was man darf und was als Nächstes kommt. Eine Zeit in der offenbar alle anderen mehr wussten, erlebten, durften oder machten als ich.

 

Ich war total erstaunt, denn ich fühlte mich keineswegs wie ein Kind! Es war viel mehr eine subtile Empfindung - nur ein Teil meiner damaligen Wahrnehmung der Realität: ein latentes Gefühl der Unzulänglichkeit, der Außenorientierung, des Versuchs in der Welt Orientierung, Gewissheit und Bestätigung zu finden. Und doch wurde mir schlagartig bewusst, dass ich mich, durch mein Umfeld, durch ständig auf mich einwirkende Informationen, Bilder, Anforderungen und Eindrücke, manchmal GENAU SO fühle:

 

Als wäre ich (noch) nicht vollständig. Immer ein wenig in Sorge, etwas zu versäumen oder nicht gut genug zu sein.

 

Mit verwirrenden Ansprüchen und Einflüssen konfrontiert. Und vermutlich deshalb so bereitwillig auf der Suche nach Antworten, noch mehr Informationen und Bewertungen anderer.


 

Dé-jà-vue

 

Es existieren unterschiedliche neurowissenschaftliche Theorien darüber, warum wir ein Dé-jà-vue erleben. Eine dieser Ideen besagt, dass wir ein Dé-jà-vue erleben, wenn ein neuer Ort oder eine neue Situation die gleiche Struktur besitzt wie ein uns bekannter Platz oder Zustand.

 

Mentale Datenverarbeitung

Unser Gehirn ist fortwährend damit beschäftigt, Situationen und Eindrücke zu bewerten, diese zu vergleichen und einzuordnen. Dass sich seit geraumer Zeit das dafür zur Verfügung stehende „Material“ zu einer gewaltigen, unüberblickbaren Lawine aufgetürmt hat, wissen wir, es gehört zu unserem Leben einfach dazu.

 

Und nicht nur, dass diese Informationen einfach da sind – wir ziehen uns das täglich aktiv rein. Wir vergleichen und bewerten. Wir suchen Inspirationen und Ideen. Wir schauen und wir zeigen. Wir tauschen uns aus. Wir informieren uns. Wir machen uns und anderen (manchmal) etwas vor.

 

Viele von uns leben aufgrund dieser sich immer schneller drehenden, informationsgeladenen Welt in einer Art ständigem Dé-jà-vue:  In einer überforderten Selbstwahrnehmung die vom „Außen“ abhängig ist.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen Realität und Fiktion

Und mittendrin, in den so seltenen, stillen Momenten fragen wir uns: Warum fühle ich mich so oft wegen irgendeinem unbedeutenden Mist unzulänglich? Bzw. weiß ich eigentlich, weshalb ich mich gedanklich mit unnützen Dingen beschäftige und mir selbst leid tue? Warum weiß ich nicht was ich will bzw. will ich alles Mögliche?

 

Reicht das alles was ich habe und bin, nicht aus, um mich angesichts einer Lappalie emotional über Wasser zu halten?

 

Ich saß auf meinem Lieblingssessel, es war alles in bester Ordnung, und doch beschäftigte ich mich mit dem Glücklich-sein. Weil ich das scheinbar nicht gut genug konnte und mich dazu schlau machen musste? Eigentlich ist das doch ein Witz, oder?

 

Mir ist völlig klar dass ein großer Teil der Welt, die ich via Smartphone und Laptop verfolge, rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Es fasziniert uns, Banalitäten hochzustilisieren als wären sie weltbewegend und wichtig. Mir ist bewusst, dass ich in Szene gesetzt Bilder sehe. Dass die zur Schau gestellte, permanente berufliche und private Aktivität all dieser Menschen, die ich zum Teil nicht mal richtig kenne, mehr Schein als Sein ist. Dass nicht alles großartig, spannend, lustig, einzigartig und neu ist. Und ich bin ziemlich sicher, dass niemand SO aussieht - auch wenn es noch so sehr als beiläufiger Schnappschuss inszeniert ist…

 

Wir alle WISSEN das. Es ist uns BEWUSST. Aber das Gehirn unterscheidet nun mal nicht zwischen Realität und Fiktion. Es orientiert sich daran was wir wahrnehmen. Es ruft unsere gespeicherten Informationen ab und vergleicht. Es signalisiert uns, dass wir uns ranhalten müssen! Dass wir zu wenig aktiv, fleißig und motiviert sind.

Unterschätzer Einfluss

Wer schaut sich nicht gern schöne Bilder an, wer interessiert sich nicht dafür was die anderen so machen? Das ist ganz natürlich! Katastrophen gibt es ohnehin genug, da ist diese Illusion vom besseren Leben fast schon ein notwendiger Ausgleich...

 

Dennoch: so spurlos geht es nicht an uns vorbei. Wir können damit nicht immer umgehen. Wir unterschätzen, was all das mit uns macht. Es führt dazu, dass wir uns klein und unbedeutend fühlen. Ständig auf der Suche sind. Denken, wir hätten zu wenig Freude, Action, Zeug oder Erfolg. Befürchten, wir hätten weniger Genuss oder Freude als andere. 

 

Wir können die Zeit nicht zurückdrehen und das ist auch gut so. Schließlich hat die Gegenwart viel zu bieten und die Interaktion mit der vernetzten weiten Welt macht zugegebenermaßen ja auch Spaß und ist interessant. Daher ist es wichtig zu lernen damit klarzukommen.

 

Also: Was hilft bzw. lässt uns wieder bodenständiger werden?

Das Kommando wieder übernehmen

Meiner Erfahrung nach sind es vor allem folgende Dinge, die uns wieder zu mehr Bodenhaftung verhelfen:

 

Kleines Glück: manchmal beschleicht es uns fast unmerklich und berührt uns tief. Ein Wort, ein Satz, eine Geste. Ein Lächeln, ein Kuss, der Duft einer Blume. Eine Umarmung. Ein Spaziergang in der Natur. Ein Glas Wein.

 

Großes Glück: Nachdenken und sich bewusst machen WAS IST. Die Dankbarkeit für die Dinge, die um uns sind spüren, z.B. beim Einschlafen daran denken, wie wunderbar es ist, in einem warmen Bett zu schlafen und in Sicherheit zu sein.

 

Digitale Pausen: Temporär offline gehen (seit ich selbstständig bin ist es noch schwerer, aber trotzdem immer mal wieder notwendig und sehr befreiend)

 

Gute Gespräche mit der besten Freundin/dem besten Freund, Partner oder Partnerin

 

Privatsphäre schätzen und schützen soweit es geht: Momente bewusst für sich behalten und sie mit denjenigen genießen die es betrifft

 

Die Liste ist nur ein Anfang - jeder darf hier seine eigenen Strategien entwickeln.

Wahres Glück kommt nicht von Außen

Der unbewusste Vergleich mit anderen kostet uns unsere Strahlkraft, wir verlieren uns selbst aus den Augen. Achten wir daher bewusst auf unsere Gedanken und darauf, welchen Themen wir uns widmen. Zwischenmenschliche Kontakte, ein freundliches Lächeln, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft machen die Welt nachhaltig schöner und unser Leben lebenswerter. So werden wir milder im Urteil über uns selbst und andere. Wir fühlen den Unterschied zwischen künstlich erzeugten Ansprüchen und wahren Bedürfnissen wieder deutlicher.

 

Indem wir uns bewusst dafür entscheiden, realen Erfahrungen im Hier und Jetzt einen höheren Stellenwert einzuräumen, relativieren wir den Rest und helfen unserem Gehirn bei der Einordnung von all den interessanten Dingen, mit denen wir uns täglich beschäftigen ;-)

 

Beginnen wir damit, wieder das Kommando im eigenen Gedankenreich zu übernehmen. Heute ist ein guter Tag dafür.

 

Alles Liebe!

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